Das Geheimnis der Change-Formel – oder: Bei Faktor Null gewinnt der Schweinehund

Kennen Sie das? Sie spüren deutlich, dass sich etwas verändern sollte. Vielleicht nehmen Sie sich sogar etwas vor. Doch so richtig passiert trotz größter Motivation nichts. Eine Erfahrung, die viele von uns machen. Vor allem kurz nach Silvester.

Mit dem „inneren Schweinehund“ ist der Schuldige aber meist schnell gefunden: Er zeigt deutlich, dass sich ein Teil von und in uns gegen die Veränderung sträubt. Dieser Anteil, der sich sträubt, begegnet mir sowohl in Einzelcoachings wie auch in Organisationen.

Im Alltag unterstellen wir dem, der seinem Schweinehund nachgibt, schnell eine reaktionäre Haltung oder einfach nur Trotz. Ich persönlich finde solche Unterstellungen latent aggressiv – sei es nun anderen Menschen oder uns selbst gegenüber …

Diese Aggressivität mag nachvollziehbar sein, hilfreich ist sie jedoch nicht!

Natürlich gibt es viele Gründe, die es unserem Willen schwer und dem Schweinehund leicht machen, die ersehnte resp. notwendige Veränderung umzusetzen. Oft spielt Angst eine Rolle, aber auch Unsicherheit, Besitzanspruch und
Besitzwahrung sowie das eine oder andere Machtspielchen etc. pp.

Erstaunlich häufig wird nun seitens des Unternehmens versucht, diese Schweinehunde, pardon Widerstände zu verringern: Interne Werbekampagnen werden angestoßen, Change-Agents in Position gebracht, Zielvereinbarungen mit den Betroffenen geschlossen … Doch das alles führt eher zu noch mehr Contra, wenn nicht gar zu innerer Kündigung.

Und sollten die vermeintlichen Widerstände doch einmal erfolgreich niedergekämpft worden sein, so sichert dies längst keinen erfolgreichen Veränderungsprozess. Denn damit der gelingt, gilt es, die Positivfaktoren zu stärken. Klingt nett, aber für die Praxis doch etwas zu schwammig? Stimmt. Deshalb nutze ich gerne die Change-Formel. Sie stammt aus den 1960er Jahren und wurde von Richard Beckhard und David Gleicher (weiter)entwickelt. Dabei ist „Positivfaktor“ durchaus im mathematischen Wortsinn gemeint …

Die Faktoren

Ein Positivfaktor innerhalb des Veränderungsprozesses ist die eigene Unzufriedenheit mit der aktuellen Situation. Auf das neue Vorhaben wirken aber auch eine klare Vision und planbare, konkret durchführbare nächste Schritte sehr positiv. Das heißt also: Wenn ich die aktuelle Situation als untragbar erkenne, ein Ziel vor Augen habe und jeden kleinen Schritt in die gewünschte Richtung als  Gewinn verbuche, erhöhe ich meine Erfolgsaussichten enorm!

Ist aber nur einer dieser Faktoren zu gering ausgeprägt, wird die angestrebte Veränderung scheitern. Garantiert. Warum? Das demonstriert die Change-Formel:

Unzufriedenheit mit der derzeitigen Situation  x  Vision des zukünftigen Soll-Zustandes    x   konkrete Schritte gen Soll-Zustand    >   alle Widerstände und „Kosten“

Kurz: U x V x S  > W

Eine gute Ausgangsbasis für eine Veränderung wäre beispielsweise:

2 x 2 x 2 > 3  weil: 8 > 3

Eine schlechte Ausgangsbasis wäre:

2 x 1 x 1 < 3 weil 2 < 3

 

Hierbei handelt es sich also tatsächlich um eine Multiplikation der einzelnen Variablen. Erinnern Sie sich an den Merksatz aus dem Matheunterricht: „Bei Multiplikatoren ist das Ergebnis immer dann Null, wenn einer der Faktoren Null ist.“ Und ist nur einer der Faktoren gering, schmälert er das Ergebnis sofort erheblich.

Von der Theorie zur Praxis

Ich werde häufig um Rat gefragt, wenn die Unzufriedenheit mit der derzeitigen Lage sehr hoch ist. Zwar weiß man, was als Nächstes zu tun wäre – aber das eigentliche Ziel fehlt: die konkrete Vorstellung, wie es stattdessen sein könnte.

Die Change-Formel hierzu könnte also folgendermaßen aussehen:

U x V x S > W
10 x 0 x 10 = 0, sprich auf jeden Fall kleiner als jeglicher Widerstand (< W).

Nächstes Beispiel: In einem großartigen Visions-Workshop wurde mit allen Mitarbeitern eine sehr attraktive Vision erarbeitet. Auch die nächsten Schritte sind bereits in Form von Arbeitspaketen klar verteilt. Einziges Problem: So wirklich unzufrieden mit der derzeitigen Situation ist eigentlich niemand. Mit andere Worten: Es  kann und wird sich nichts verändern.

Die Change-Formel hierzu könnte folgendermaßen aussehen:

U x V x S > W
0 x 10 x 10 = 0 < W

Es ist also völlig unerheblich wie groß oder klein die Widerstände sind, wenn das Ergebnis der Multiplikation sowieso nahe Null liegt, weil einer der Positiv-Einflussfaktoren so gering ist, dass er das Ergebnis nach unten drückt. Für Veränderungen wird es aber nicht erst dann eng, wenn einer der Faktoren quasi völlig fehlt, da der Widerstandswert W in der Regel hoch ist. Insofern genügt oft schon ein einziger niedriger Faktor aus, um das Veränderungsprojekt zu kippen.

Was tun?

Drehen wir die Medaille doch mal um: Sobald die Faktoren Unzufriedenheit, Vision, Schritte gesteigert werden, wächst die Chance, dass die geplante Veränderung gelingt. Denn Fakt ist: Ein Mehr an Unzufriedenheit, Planung oder Vision der Zukunft hilft dem Change-Prozess über die größten Widerstände hinweg.

Dabei müssen die einzelnen Change-Faktoren nicht riesig sein – aber ausgewogen verteilt, wie folgendes Beispiel zeigt:

U x V x S > W
5 x 5 x 5 > 50

Der Wert für die Widerstände kann sich aus persönlichen Ängsten, Lethargie in der Organisation oder anderer Einflussfaktoren ergeben. In diesem Beispiel sind sie zweitrangig, da es eben nicht darum geht, diesen zu reduzieren, sondern auf der linken Seite der Formel den Wert zu erhöhen.

125 > 50

Erfolgreiche Veränderungsprozesse oder Change-Management-Projekte zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass alle Variablen berücksichtigt, im wahrsten Sinne einkalkuliert werden: die Unzufriedenheit, die Vision, die konkreten Schritte und natürlich die Widerstände.

Rechnen Sie Ihre Change-Projekte doch einfach mal nach und teilen Sie mir Ihr Ergebnis oder Erfahrungen mit!

Bildnachweise:
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